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LERNEN - ein BUNTES MOSAIK

Martin Merz

Das Bedürfnis eines Kindes, von Anfang an seine Welt zu erleben, zu entdecken und zu erobern, ist stets gegenwärtig. All seine Möglichkeiten der Wahrnehmung setzt es dafür ein. Es erspürt die Umgebung, erforscht Räume und horcht in Geräusche und Stimmen hinein. Mehr und mehr lernt es diese zu deuten, zu verstehen und wiederzugeben

All diese Abläufe, die im Sprachzentrum des Kindes vor sich gehen, zu erläutern, übersteigt bei Weitem meine Kompetenz. Aber aus dem Zusammenleben mit meiner kleinen Tochter konnte und kann ich von aller Früh weg miterleben, wie intensiv ein Menschlein an seiner Sprachentwicklung arbeiten kann und seine Kompetenzen von Tag zu Tag erweitert, verfeinert und ausdrückt.

Der Freie Ausdruck war und ist von je her ein zentraler Aspekt der Freinet-Pädagogik. Der Mensch sucht und braucht Räume, in denen er Fähigkeiten erweben und erweitern kann, das auszudrücken, was ihn beschäftigt. Ob Erzählstein, Morgenkreis oder Kinderkonferenz – die Freinet-Klasse wird zu einem hohen Grad getragen vom Freien Ausdruck, der Manifestation des Individuums und seiner damit verbundenen Verankerung in ein Sozialsystem.

Die Kreise, die der Freie Ausdruck zieht, haben wir, das Atelier Schule, sehr intensiv in der Zeitung Nummer 19, „Texte in die Welt setzen“, dargestellt.

Damit der Freie Ausdruck noch weitere Kreise ziehen kann, damit der Mensch sich also weiterbilden, neue Kompetenzen in Wissen und Sprache erwerben, neue Welten erleben und diese sich gar zu eigen machen kann, … hat die Menschheit Schrift und Text entdeckt und diese immer weitergegeben.

Lesen, Bücher und Literatur sind somit tragende Säulen unserer Gesellschaft und unserer Kultur. Eine Schule, die sich den Bedürfnissen der Kinder stellt, die sich ihrer gesellschaftlichen Aufgabe bewusst ist, ist in erster Linie ein Ort, an dem Kultur erlebt und gelebt wird. Literatur und Lesekultur war daher einer der Schwerpunkte in der Steyrdorfschule in Steyr. Die Vielfältigkeit des Umganges mit Sprache, Literatur und Büchern war zu sehen, zu hören und zu erleben.

In den Oberösterreichischen Nachrichten, OÖN, vom 25. Oktober 2006 war dann auch zu lesen: „Auf Initiative des Grundschulpädagogen Martin Merz finden im Laufe des Schuljahres vielerlei Leseaktivitäten und Zugangsmöglichkeiten zu Schrift, Text und Literatur statt, die den Kindern die Freude und das Interesse am Lesen schmackhaft machen, die ihnen aber auch Lesen als Tor zur Welt und als Abenteuer im Kopf erlebbar machen. Bücher und Texte der Kinder- und Jugendliteratur spielen dabei ebenso eine Rolle wie eigene Geschichten und selbst hergestellte Bücher.“

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Den langen Gang der Schule schmückten blaue Bilderrahmen mit literarischen Texten aus der Welt der Kinderliteratur. Alle zwei Monate etwa präsentierten wir den Kindern im Literaturmuseum neue Textformen und Themen: Den Beginn machten allerlei Auszählverse, damit auch die jüngsten Kinder mit diesen Texten etwas anfangen konnten. Es dauerte nicht lange und viele Kinder konnten schon eine ganze Reihe von Versen auswendig.

Herbst -und Wintergedichte fassten den lyrischen Aspekt dieser Jahreszeit in Worte, Auszüge aus Märchen begleiteten durch den Winter, Natur- und Frühlingsgedichte, und als Abschluss Textstellen aus Kinderbuchklassikern bildeten die Abrundung des Literaturbogens im Literaturmuseum.

All diese Texte waren aber nicht nur zu lesen – sie waren auch zu pflücken: Neben jeder Bildertafel hing ein Brett, auf dem die ausgestellten Texte im A4-Format geheftet waren und von den Kindern gepflückt und gesammelt werden konnten.

Einmal in der Woche, immer am Freitag, konnten die Kinder eine Kinderlesung besuchen. Viele Klassen schickten Vorlesekinder, die aus ihren Lieblingsbüchern vorlesen wollten. Das machten sie dann etwa 4 Wochen lang. Die übrigen Kinder konnten sich auf Plakaten zu einem der angebotenen Bücher eintragen und dann an der jeweiligen Kinderlesung teilnehmen und so in verschiedene Kinderbücher reinschnuppern. „Der rostige Robert“, „Drachen haben nichts zu lachen“, „Harry Potter“, „Schulgeschichten vom Franz“ und „Das kleine ich bin ich“ sind nur ein kleiner Auszug aus den etwa 50 Büchern, die als Kinderlesung angeboten waren.